Baustellenfaszination und Verkehrspolitik
7. Dezember 2008 von CRen
[Aktueller Song: "Runaround Sue" von Dion]
Es ist wieder Ferienzeit und wie jeden Sommer schrauben die Stadtverwaltungen der rheinischen Metropolen an Straßen und Schienen herum. Faszinierend dabei ist, mit welcher Geschwindigkeit auf der vor meinem Fenster liegenden Durchgangsstraße die Straßenbahnschienen getauscht werden. Hier sind Tag und Nacht die Arbeiter im Einsatz und vermutlich wird die Baustelle pünktlich fertig, Maßgabe ist eine Woche. In Bonn sieht das ganz anders aus…
In Bonn dauern ähnliche Baustellen nämlich normalerweise mindestens ein Jahr länger, als die ohnehin schon geplanten drei bis fünf Jahre, insbesondere dann, wenn sie an Durchgangsstraßen liegen.
Offensichtlich scheinen die jeweiligen Stadtverwaltungen verschiedene Philosophien zu vertreten: Während Düsseldorf möglichst bald wieder rasenden, neureichen Halbstarken die Bahn freimachen möchte, scheint Bonn jede Baustelle als kleine Generalprobe für die nächste unverschämte Verkehrsberuhigungsmaßnahme aufzufassen. Die dazu nötigen empirischen Forschungen über den Frustrationsgrad der Autofahrer dauern eben länger und werden erst dann abgeschlossen, wenn die Arbeit für die meist faul neben der Baustelle herumstehenden Bauarbeiter durch amoklaufende Bürger zu gefährlich werden.
Ist eine solche Baustelle in Bonn fertig, kann der Autofahrer sichergehen, auf neue, interessante Straßenmalerei und Neuauslegungen der Straßenverkehrsordnung zu stoßen, als da wären: Radwege mit LKW-Breite, eine verengte Fahrspur, wo vorher drei waren, sinnlose Rechtsabbiegerspuren statt nützlicher Linksabbiegerspuren, Tempohügel, 30-Zonen, fünf Fußgängerampeln auf fünfzig Metern, mit lebensgefährlichen Betonklötzen gesäumte Grünflächen links und rechts der verbliebenen Fahrspur sowie Kreisverkehre, die den Gesetzen der Fahrphysik mit aller Gewalt trotzen möchten.
Um das ganze zu rechtfertigen, schreibt Bonn “fahrradfreundliche Stadt in NRW” auf jedes Ortseingangsschild, aber auch das stimmt eben nicht. Als Radfahrer hat man in Bonn nämlich ebenfalls nichts zu lachen, weil die Radwege wahlweise in einem so bemitleidenswerten Zustand sind, dass man sie nicht wirklich nutzen möchte. Oder sie sind so schlecht gelegt, dass die lebensgefährlich nah an vorbeibrausendem Schwerverkehr vorbeiführen oder einfach fehlen, wo sie gebraucht würden. Kein Wunder also, dass die aus der leeren Stadtkasse finanzierten Radwege nur in den seltensten Fällen benutzt werde und Radfahrer es vorziehen, die Straße zu benutzen.
Ein konkretes Beispiel: Vor meinem Fenster läuft die Corneliusstraße entlang, die ist zwei- bis dreispurig und hat in der Mitte zwei Straßenbahnspuren, auf denen Autos nicht fahren dürfen. Insgesamt also bis zu 8 Fahrspuren, womit die Straße der Oxfordstraße in Bonn nicht unähnlich ist. Während die Oxfordstraße in den letzten Jahren nicht nur zwei Fahrspuren einbüßen musste, um zwei überdimensionalen Radwegen Platz zu machen und sich die Anwohner über regelmässigen Stop-and-Go-Krach freuen dürfen, kommt die Corneliusstraße völlig ohne Radweg aus. Es gibt einfach keinen, obwohl er hier durchaus sinnvoll wäre. Stattdessen müssen Radfahrer sich auf der Tempo-50-Strecke wahlweise auf dem Bürgersteig bewegen oder damit rechnen, von einem TT-fahrenden Führerscheinneuling mit Cocktailkopf über den Haufen gefahren zu werden.
Straßen wie die Corneliusstraße sind sehr häufig in Düsseldorf. In Bonn hingegen gibt es sie nicht. Und wenn, werden Sie schnellstmöglich auf Entwicklungsland-Niveau zurückgebaut, fast könnte man meinen, nächtliche Stoßtrupps der Stadtwerke würden absichtlich Schlaglöcher in die ohnehin mitgenommene Fahrbahndecke bohren. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass die Stadt Bonn Müllfahrern ein Gehalt bezahlt, das über dem mancher Mediziner liegt und lieber die Stones auf der Museumsmeile spielen lässt, als mal ein paar Liter Teer in knietiefe Schlaglöcher zu gießen. Irgendwie passt das auch, denn was soll man von einer Stadt schon erwarten, deren Bahnhofsvorplatz schlimmer aussieht als die Opium-Slums von Kabul und damit selbst freundlich gesonnene Besucher nachhaltig verschreckt?
Vielleicht verfolgt Bonn neuerdings eine Isolationsstrategie. Vielleicht möchten all die dort lebenden Körnerfresser und Fahrradfaschisten einfach nichts mit der Außenwelt zu tun haben und sich in der ehemaligen Bundeshauptstadt ein rot-grünes Utopia schaffen, in dem niemand mehr Auto fährt, weil eine Stadtrundfahrt für den Wagen ähnlich gesund ist wie die Rally Paris-Dakar.
Zumindest in dieser Hinsicht ist Düsseldorf wesentlich besser, denn hier gehört die Fahrradfraktion zum unteren Ende der mobilen Nahrungskette, wie sich das für eine ordentliche Großstadt gehört!
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Geschrieben in Allgemein | 0 Kommentare | Tags: Beuel, Bonn, Bundesstadt, Düsseldorf, Fahrrad, Isolation, Öko, Radfahrer, Verkehr
