CD-Sammlung-Vergangenheits-Zurechtpfuscher
17. August 2008 von CRen
[Aktueller Song: "Electrolite" von R.E.M.]
Es mag ja altbacken wirken, aber ich gehöre zu diesen Menschen, die der Ansicht sind, dass die CD-Sammlung eine ziemlich genaue Charakterstudie des CD-Sammlungsbesitzers abgibt. Sag mir, was Du hörst, und ich sage Dir, wer Du bist.
Wohl deshalb steure ich, sobald ich eine Wohnung oder ein Zimmer betrete, sofort auf das CD-Regal zu, um eine treffende Analyse des Wohnungsbesitzers zusammenzustellen. Nichts verrät mehr, auch im Zeitalter von MP3s und iTunes.
Grob lassen sich die CD-Sammlungstypen in zwei Kategorien einteilen: Vorhanden und… nicht vorhanden. Letztere sind mir völlig unsympathisch, von vornherein, besagt doch das Fehlen einer repräsentativ in der Wohnung platzierten Plattensammlung von der völligen Sterilität des Wohnungseigners. Er möchte sich nicht festlegen, legt keinen Wert darauf, dass andere ihn durchschauen und hat die CDs im Keller verschwinden lassen. Oder er ist ein fieser Raubkopierer. Oder, noch schlimmer: Ein Radio-reichtmir-Typ. Undurchsichtig, oberflächlich, das sind die Schlagworte, die diese Typen beschreiben.
Ist allerdings eine CD-Sammlung vorhanden, lässt die wundervolle Rückschlüsse zu… Chartpopschwuchteln
Da gibt es zum Beispiel diese Menschen, die zwar einen großen, schicken CD-Ständer haben, darin aber ausschließlich Bravo-Hits und ähnliche Sampler stehen haben, plus Alben von One-Hit-Wondern wie dem Scatman und Las Ketchup. Diese Menschen mögen, was ihnen die Popindustrie vorsetzt. Vor einigen Jahren haben sie komplett auf MP3 umgestellt, laden fleißig Songs mieser Qualität aus Tauschbörsen auf einen billigen MP3-Player, der “reicht ja auch.” Der einzige Grund, warum das CD-Regal mit seiner dürftigen Bestückung noch im Wohnzimmer steht, ist, weil diese Menschen glauben, dass so etwas in eine Wohnung gehört. Sonst gäbe es ja keine CD-Regale im IKEA-Katalog. Gerne wird das Regal deshalb mit “Best of 2002″- und “Charts 16.06.2006″-Selbstgebrannt-Samplern auf Aldi-Rohlingen nachgerüstet, natürlich ohne Cover, das lohnt sich ja eh nicht, denn Musik ist halt so Kram, genau wie alles andere im Leben.
Standardmädchen
Die Plattensammlung des Standardmädchens ist in der Regel ebenfalls dürftig bestückt. Ein Plattenregal gibt es nicht, bestenfalls ein Fach in einem Billy-Regal, wo die CDs – unsortiert, oft ohne Hülle und meist fremdgebrannt – herumfliegen. Das Standardmädchen ist meist hübsch, blond und stellt sich Glasschalen voller Murmeln auf den Couchtisch. Sie musste sich nie CDs kaufen, weil immer irgendein Typ verliebt reichverzierte CD-Sampler zusammengebrannt hat, die dann “Love-Hits Summer” oder “Knutschmix” heißen. Standardmädchen sagen auf die Frage nach ihrem Musikgeschmack meist “80er” oder “House”, weil man da so gut “Party drauf machen kann.” Werden Standardmädchen irgendwann mal alt, kramen sie die CDs raus und weinen eine Krokodilsträne ob der guten Partys früher. Mangels Alternativen fallen sie danach meist Schlager anheim, da kann man wenigstens drauf Diskofoxen und muss sich nicht für den Diddl im Bett schämen.
Alternativmädchen
Alternativmädchen braucht man mit selbstgebrannten CDs nicht kommen. Alternativmädchen haben nämlich in der Regel eine ausgeprägte Musikliebe für lauten Gitarrenschrammel aus deutschen Landen, etwa für die Donots, die Ärzte oder die Hosen. Sie waren wegen der Donots auch schonmal bei Rock am Ring und haben schonmal die Hand von Campino geschüttelt, in den sie seit sie 12 sind, verknallt sind. Statt gebrannter CDs finden sich in der Plattensammlung signierte und teuer bei Ebay erworbene Originale von “Kauf mich” oder “13″, aber eigentlich braucht man die Plattensammlung auch gar nicht angucken, weil garantiert irgendwo in der Bude ein Poster von den Ärzten hängt. Und wehe, einer sagt was dagegen!
Audiophile & Musiker
Der Blick in die Plattensammlung verrät: Hier ist ein Kenner am Werk. US-Alben finden sich ausschließlich im sauteuren japanischen Export-Release, denn die Japaner mischen den Ton viel besser ab. Die CDs sind natürlich alphabetisch sortiert, das Plattenregal bildet mit der Luxus-Stereoanlage das optische und akkustische Zentrum des Wohnzimmers. Von den Gruppen, die der Audiophile mag, wird jede Scheibe gekauft, sogar Singles von Alben, die man schon hat, wegen der B-Seiten. Der CD-Player hat eine Rückwärts-Funktion und natürlich gibt es eine umfangreiche Beatles-Sammlung, selbst wenn man die Beatles eigentlich verachtet, aber sie waren ja essentiell für die Musik des 20. Jahrhunderts. Natürlich gibt es auch zahlreiche Platten mit Seltenheitswert und die gerne auch zweimal, einmal auf Vinyl und dann nochmal als CD, eventuell sogar zweimal (Digitally Remastered). Nirgendwo sonst wird man eine so große Sammlung an Audio-DVDs von Oldies finden, obwohl die auch nur nachgemischte Mono-Aufnahmen sind. Selbstgebrannt sind höchstens die seltenen Bootlegs innovativer Bands, die sich einfach nicht mehr beschaffen lassen. Der Audiophile ist ein musikalischer Pedant und in seinem Gehabe meist kleingeistig und rechthaberisch, denn wenn eine CD von Genesis jemals gut war, dann ja wohl bitte die von 1979, aber nur im Japan-Release mit den umgestellten Tracks!
Nerds
Nerds mögen 80er, Goth und Metall, am besten in Kombination. Die Musikliebe spielt sich seit 1998 nur noch auf der Festplatte ab, aus der Zeit davor gibt es umfangreiche Manowar-, Subway-to-Sally- und Kajagoogoo-Sammlungen. Der Nerd hört seine Musik beim Coden und macht sich nicht viel daraus, deshalb verstauben die Platten auch im Schrank. Irgendwann Ende der 90er hat er den ganzen Quatsch mal mangels Plattenplatz auf CD gebrannt, die jetzt irgendwo im Regal stehen. Dazwischen finden sich immer wieder selbstgebrannte Platten für Standardmädchen, die das Standardmädchen aber nicht haben wollte, die er aber aus nostalgischen Gründen aufbewahrt hat. Manchmal kramt er sie raus und weint ein bisschen.
Der Fan
Der Fan lebt die Musik. Sein Musikgeschmack ist recht einseitig: Findet er eine Band gut, kauft er alles, was er finden kann. Hat er alles, steigt er auf eine andere Band um. Der Plattenschrank ist meist ziemlich voll, weil er sich gerne an die “guten alten Zeiten” erinnert, als er der Kelly-Family oder den Toten Hosen auf jedes Konzert hinterhergereist ist. Auch hier sind die Platten alphabetisch geordnet, jede CD findet sich mehrfach, sofern sie mehrfach – etwa nochmal mit einem Bonustrack – herauskam. Das stört den Fan nicht, doppelte Platten werden auch nicht entsorgt, sondern aufbewahrt. Die aktuelle Lieblingsband hat immer ein Spezialfach, in dem auch Zeitungsausschnitte und andere Devotionalien gelagert werden.
Der Ex
Es gibt Menschen, die mögen Musik so gerne, dass sie niemals eine Platte wegwerfen. Oft genug haben sie in jungen Jahren eine Musikrichtung sehr aktiv verfolgt, besitzen hunderte von Platten, doch mit dem Alter änderten sich Musikgeschmack und Hörgewohnheiten. Der Ex ist normalerweise inzwischen recht angepasst und arbeitet bei der Sparkasse oder als Betriebswirt. In seiner Plattensammlung gibt es dennoch zahllose Hardcore-Platten jedes Musikstils, die er aber nicht mehr hört. Das versichert er auch bei jeder Gelegenheit.
Der CD-Sammlung-Vergangenheits-Zurechtpfuscher
Der CD-Sammlung-Vergangenheits-Zurechtpfuscher besitzt zahllose wichtige Platten jedes Musikstils, allerdings meist grob in eine musikalische Richtung eingeteilt. Sein Markenzeichen ist es, niemals eine aktuelle Platte zu besitzen. Er kauft die CDs immer nach, wenn sie bereits als Erfolgsalbum läuft. Dann stellt er sie in den Schrank, hört sie nie wieder an und erzählt jedem, der den eleganten Musikgeschmack bewundert, dass er die Platte ja schon “ziemlich früh” gehabt habe, noch bevor die ersten Charterfolge kamen. Oft genug zeichnet sich der CD-Sammlung-Vergangenheits-Zurechtpfuscher dadurch aus, dass er einen eigentlich ziemlich miesen Musikgeschmack hat, was einzelne Bravo-Hits und andere Titel in seiner Plattensammlung verraten.
| Weitere Artikel zum Thema | Optionen |
|---|---|
Kommentar hinterlassen
Geschrieben in Allgemein | 0 Kommentare | Tags: 2006, 80er, 90er, Affe, Album, Alter, Altern, Alternativ, Alternative, Arbeit, ARD, Band, Beatles, Bett, Bild, Bill, Blick, blond, Boot, Börse, Bravo, deutsch, Deutsche, Disko, DVD, Ebay, eng, Essen, Export, Geschmack, Goth, Gruppe, hart, Hit, Hose, House, Hund, Hunde, IKEA, Industrie, iTunes, Jahre, Jahrhundert, Japan, Japaner, Junge, Kasse, Kaufen, Ketchup, Knut, Laden, Leben, Liebe, Mädchen, Manowar, Mensch, Menschen, Metall, MP3-Player, Musik, Musiker, Musikgeschmack, Nerd, Nerds, Norma, Orte, Pan, Parka, Party, Platte, Plus, Pop, Radio, Raubkopie, Rohling, Schlager, Schrei, SEO, Serendipity, Singles, Sitze, Spiel, Stand, Stil, Subway, Track, Typen, USA, Waren, Wege, Wein, Wohnung, Worte, Wunder, Zeitung, Zimmer
