Düsseldorf: Ein Abend in der Altstadt (2007)
7. Dezember 2008 von CRen
[Aktueller Song: "Canon in D" von San Francisco String Quartet]
Das Bier am Zahn und Vollgas geben, so sieht er aus, der Plan für die Nacht. Nach einer geschickten Runde vorglühen auf der heimischen Couch ist der Superstar-Faktor hoch genug, sofort und natürlich ohne Ticket in die Altstadt aufzubrechen. Die Sommerferien wirken sich negativ auf die Massen aus, die Altstadt ist leer, die wenigen Menschen bereits voll, als wir anlanden. Doch wohin sollen wir gehen mit 50 Euro in der Tasche? Schnell noch ein Bier gekauft, in eine Ecke gepinkelt und auf die Hose gekleckert, das rockt, Rockstars, heute Abend gehört uns die Welt. Das Problem dabei: Wir sind keine zwanzig mehr, alle anderen schon. Das haben wir vergessen.
“Papagayo” lallt der Kollege und wir fallen schwer angeschlagen in einen seltsamen Laden mit Unterhaltungmusik ein. Hip-Hop aus den 90ern, tiefdekoltierter Frauenüberschuß im späten Teenager-Alter, ja, der Ort, an dem alte Männer ihre kranken Gelüste befriedigen können. Wir bekommen Schlumpf-Stempel auf den Arm. “War immer geil hier, früher”, sagt der Kollege. Ich find’s auch geil und schreibe SMS an andere Düsseldorfer, dass sie mir bitte folgen mögen.
Sie folgen nicht, dafür zwei Blondinen. Die reden mit uns, heißen Kathi und Lisa und sind aus Benrath und 18 und überhaupt und eigentlich gleitet mein Blick sowieso ständig von ihren Augen ab, den Hals hinab, kann sich gerade noch fangen und das Spiel geht von vorne los, während ich leise mit Coolio mitrappe. Im Geist reiße ich ihnen schonmal die Klamotten vom Leib.
Kathi und Lisa sind langweilig, wollen das aber nicht zugeben und tun deshalb so, als wären sie besonders interessant und verschwinden kichernd auf die Toilette. Wer kriegt welche? “Egal!!!” gröhlen wir uns, prosten wir uns zu, doch als Kathi und Lisa zurückkommen, schlägt mich die moralische Keule, bin wohl noch nicht besoffen genug: Als WIR so alt waren wie die, sagt mein Gewissen, waren die in der zweiten Klasse. Ich steige aus und ohne Sidekick verliert auch der Kollege. Das Gespräch versiegt, die Mädchen verschwinden, meine Gewissen auch. Let’s rock, Iggy, Ozzy und wie sie alle heißen, lass’ uns den Laden auseinandernehmen. Der Geist ist willig, das Fleisch nicht, das steht lieber rum und nippt am Bier.
Noch ein Bier und runter in den Dunst. Schwitzbude, ich fühle mich wie Kochwäsche: Es ist heiß, feucht, chemisch und alles dreht sich. Scheiße hier, lass mal gehen! Raus. Wohin sollen wir? “Knofi-Pizza fressen”, so drückt er sich tatsächlich aus. Knofi-Pizza! Denke, Du willst heute was reißen? Ich versuche ihn abzuhalten, doch zu spät, schon ist er in der Pizzabude und auch wieder raus. Es stinkt nach Knoblauch. Zwei weibliche Faltensäcke Mitte vierzig stellen sich zu uns. Essen von seiner Pizza. Sind total besoffen. Erzählen von ihren 13-jährigen Kindern, Exmännern, der Lust auf “ein Abenteuer” und das die andere ja viel besser dran sei, die hätte ja zwei Mädchen, die wären nicht so anstrengend, sagen sie und ich nicke nur leise und denke, sowas können auch nur Mütter sagen. Dann holt sich die bessere von den beiden eine Pizza, die andere geht auch, weil Kollege fragt, wo man gemeinsam hingehen könnte. Nichts wie weg!
Neben mir läuft der Knoblauch-Dunst, es ist spät und es leert sich zusehends. Offenbar mussten alle die letzte Bahn kriegen, weil für einen Führerschein sind die ja noch zu jung. Wir flüchten in einen Polenladen. Da sitzen viele betrunkene Klotzköpfe und reden laut auf polnisch. Dazu Frauen im typischen Achtzigerjahre-Look, den auch nur Osteuropäerinnen drauf haben.
Ein Weizen, halb getrunken, stehengelassen, auf in den nächsten Schuppen. Rein in die Bumsmusikbuden auf der Bolker, angewidert rückwärts raus, zurück ins Papagayo, da ist was los, da wackeln die Hüften. Die sind allerdings inzwischen dick und hin und wieder fällt ein Betrunkener in den offenen Mund eines auf Shakira tanzenden Wals. Sowas schaffen auch nur Knaben. Was unterscheidet Männer von Jungs? Jungs saufen sich breit, um einen wegzustecken, Männer saufen sich breit, um ins Bett zu gehen. Kollege ist offenbar noch im Knabenalter, ich rutsche ins Kleinkind-Alter ab, beginne herumzunöhlen. Nöhlnöhl.
Endlich weg! Burger-King, Taxi, eine philosophische halbe Stunde bei drei Zigaretten, Bett.
Es ist vier Uhr morgens, als ich beschließe, die Altstadt künftig zu meiden und zufrieden einschlafe: Wenigstens habe ich die 50 Euro effizient versoffen!
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Geschrieben in Allgemein | 0 Kommentare | Tags: Altstadt, Bier, Düsseldorf, Frauen, Geld, Papagayo, Sex
