Ein Abend in Köln
24. August 2008 von CRen
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[Aktueller Song: "Little Bit" von Lykke Li]
Randvoll Sushi und Kölsch hat er die Schnapsidee des Abends: Wenn, ja wenn alte Männer Ende 20 heute noch irgendwo hingehen könnten, dann ja wohl, aber hallo, ins Theatro in Köln. Da nämlich, das war völlig vom Radar verschwunden, ist Freitags abends ja Flatrate-Party. Und wie das so ist nach ein paar Kölsch, man glaubt, man könnte den Laden leersaufen. “Also heute als Bilanz höchstens ein Euro pro Getränk, ne?” Die bereits getrunkenen Kölsch zu 1,60 natürlich eingerechnet. Es galt, einiges nachzuholen. Vor dem Theatro bildet sich bereits eine künstliche Schlange voller Erstemester. Und obwohl wir bereits ziemlich schwanken, werden wir problemlos eingelassen. Die 19 Euro zahlen wir aus der Portokasse, wofür geht man denn arbeiten? Außerdem lockt der Alkoholhimmel. Der Türsteher ist zuvorkommend, erklärt und freundlich das seltsam komplizierte System aus Getränkekarte und Chip. Am liebsten würde er uns alte Männer wohl noch auf die Tanzfläche gerollt, so wir denn einen Rollstuhl dabei hätten.
Eingelassen in die völlig leeren Hallen, das erste Bier. Die Schlagseite nimmt mit jedem Schluck zu, genau wie die Attraktivität der Teenager überall.
Guck mal die, die hat geschaut.
Noch ein Bier.
Und die.
Und noch eins.
Wir sind heute Abend die Könige, Alter.
Blicke driften ab, Geräusche werden dumpfer. Gespielt wird Eurodance aus den 90ern, unterlegt mit House-Musik, das macht man wohl heutzutage so in Köln. Vielleicht spielen die das auch nur wegen uns, denn faltig und verbraucht, augenberingt und mit leerem, betrunkenen Blick, stechen wir unangenehm aus den Horden wildgewordenen Studentenvolks vom Land hervor, für die das alles neu, toll, irgendwie super ist, die ersten Monate in der Stadt, man ist das aufregend. Vor unseren Augen spielen sich Freud und Leid ab, der hat mit der geknutscht und das fand die dann ziemlich blöd. Tränen fließen, junge Männer stehen im Kreis und balzen. Junge Dinger mit schmalen Ärschen in noch schmaleren Hosen gucken hier und da und dort, geflirtet wird aber nicht und ich muss pissen.
Auf dem Klo ist eine Deo-Promo, das Deo stinkt ziemlich und das Klo auch, nach dem Deo, denn keiner der Besucher lässt es sich nehmen, sich einzusprühen.
Rauchen! Ein Raucherraum, abgetrennt, ganz gesetzeskonform, direkt neben der Theke, der vermutlich vor zehn Jahren das letzte mal gelüftet wurde. Wir stehen im Dunst zwischen zahllosen Nachwende-Geburten, eigentlich reicht Passivrauchen und obwohl der Laden ziemlich voll ist, ist der Raucherraum beängstigend leer. Alle Anwesenden sind hässlich, durch und durch verprollt oder eben alt – so wie wir. Mein H&M-Hemd aus Polyester beginnt, zur Sauna zu werden, meine Füße tun weh und der Rücken auch. Wir steigen auf Gin Tonic um, obwohl ich das eigentlich gar nicht mag.
Wir haben den Laden leergesoffen. Fünf Bier gingen noch rein und unzählige Gin Tonic und die Realität fadet aus. Jacke holen, raus hier. Die Abendluft ist frisch, wir laufen, kilometerweit. Ein eeePC in einem Schaufenster, andere Menschen weichen uns aus. Wir brauchen den ganzen Bürgersteig zum Gehen. Das Ziel ist eine Kaschemme, ein dunkles Loch, Venuskeller heißt es. “Der Restefickschuppen”, werde ich belehrt. Der Türsteher findet das lustig. Unten sind wir allein, bis auf ein knutschendes Pärchen, sie unglaublich fett, er unglaublich ungeflegt, und einen Nerd mit Halbglatze und Manowar-Shirt Ende 30, der auf Musik tanzt, die ich nicht identifizieren kann. Ein mies schmeckendes Kölsch, Frauen kommen, sie haben es nötig. Dringend.
Mein Körper schreit nach dem Bett, dem eigenen.
Da wache ich sechs Stunden später mit einem ekligen Geschmack im Mund und einer Raubkatze im Kopf auf, aber ich weiß nicht mehr, wie ich da hingekommen bin.
Ich bin allein und die Tür ist von innen abgeschlossen. Das ist gut.
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