Fremdhumor
7. Dezember 2008 von CRen
[Aktueller Song: "Seasons In The Sun" von Terry Jack]
Humor ist eine scharfe Waffe. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Humor ist die Fähigkeit, ein Lachen hervorzurufen. Der Begriff Humor ist schwer zu definieren und leider ähnlich wie der Begriff “Kreativität” derart positiv beschmutzt, dass ihn jeder zu jeder Gelegenheit gerne in eigene Web 2.0-Steckbriefe einfügt. Da steht dann bei Punkten wie “Charaktereigenschaften” oder “Über mich”, dass diese Person “humorvoll” und “kreativ” sei. Meist folgt dann beim Punkt “Vorlieben” der inzwischen inflationär Verbrauchte “englische Humor” und gemeint ist damit natürlich, haha, Monty Python und zwar ausschließlich das unter “Lieblingsfilme” genannte “Leben des Brian”, denn den Film kennt man ja und andere auch. Und der wird dann auch fleißig unter “Lieblingszitate” zitiert.
Womit wir uns auch schon beim Kernproblem befinden: Dem Fremdhumor.
Egal, wie schwer es ist, den Begriff “Humor” wirklich einzuordnen, dürfte doch zumindest eines klar sein: Es gibt humorvolle und humorfreie Menschen. Dazwischen gibt es feine Abstufungen, zum Beispiel humorvolle Menschen, die aber nicht über sich selbst lachen können oder solche, die eigentlich humorlos wirken, sich dann aber im genau richtigen Moment mit genau dem richtigen Aphorismus als doch sehr humorvoll herausstellen können. Irgendwo in diesem Spektrum verstecken sie sich, die Fremdhumoristen: Menschen, die eigentlich humorfrei sind, das jedoch nicht tolerieren können und sich deshalb zu jeder sich bietenden Gelegenheit fremder Humorismen bedienen. Es sind diese Menschen, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit “das Leben des Brian” zitieren, den “Schuh des Manitu” als “Kultfilm” bezeichnen und natürlich genau so witzig sind wie Helge Schneider, weil sie Helge Schneider nachmachen können. Es muss wohl nicht erwähnt werden, dass Fremdhumoristen zur Zurschaustellung ihres ganz exklusiven Humors an Geburtstagen immer Bücher von Mario Barth oder Walter Moers verschenken. Damit kann man ja auch eigentlich nichts falsch machen. Denken die Fremdhumoristen.
Wenn humorlose Menschen die Pest sind, dann ist Fremdhumor die eitrige Beule. Und die platzt regelmässig, wenn das eigenhumorfreie Opfer populärkultureller Unterwanderung sich launig einer Clownerei betätigen möchte. Während humorvolle Menschen in solchen Momenten auf die Situation reagieren und schnell und spontan ihren Humor passend ausspielen, greift der Fremdhumorist lieber zu bewährten Mitteln. Und da ist die letzte Nummer von Anke Engelke gerade recht, die dann gnadenlos zitiert wird, schließlich kam das ja im Fernsehen und dann wird das schon lustig sein. Der Humor des Humors geht dem Fremdhumoristen dabei aber völlig ab. Stattdessen ruft man durch Nachahmung Bilder im Kopf des Opfers hervor und hofft aufdringlich, durch humoristisches Mimikri sein Opfer täuschen zu können und den allgemein als Humor anerkannten Nichthumor als den eigenen ausgeben zu können. Das klappt leider viel zu oft, denn leider gibt es viel zu viele Fremdhumoristen in diesem armseligen Land.
Doch es geht noch schlimmer: Ankündigende Fremdhumoristen neigen dazu, ihre Quelle zu nennen. Man bringt den Gag nicht situationsbezogen, sondern erzählt davon, was selbst bei ähnlich tickenden Opfern Attacken von Fremdscham erzeugt. Oft kann man auf Partys Gesprächen lauschen, die sich ausschließlich aus “Das Leben des Brian”-Zitaten zusammensetzen, zu denen sich beide Gesprächspartner herrlich amüsieren. Der humorkritische Zuhörer kann in solchen Momenten entscheiden, ob er die Fremdhumoristengruppe verlässt oder einfach anbrüllt, endlich die Fresse zu halten.
Leider entsteht im Gespräch mit Fremdhumoristen auch immer wieder der Eindruck, diese Zeitgenossen würden den wahren Witz eines Filmes, einer Begebenheit oder einer Situation zulasten der allgemeinen Anerkennung vernachlässigen. Die Wahrheit ist: Fremdhumoristen sind darauf geeicht, ihre Spaßmacherei möglichst zielsicher anzubringen. Der Lacher muss sitzen, da ist das Urheberrecht nur ein störender Statist, dem mental schon längt gekündigt wurde, und was wäre da einfacher, als sich bereits bekannter und erfolgreicher Lachnummern zu bedienen? Der Fremdhumorist ist dann extrem angefressen, wenn das fremdschamgeplagte Opfer seiner geklauten Humorattacken sich mit einem ausgiebig gekünstelten “HA-HA, DU DEPP!” aus der Affäre zieht.
Das Problem: Massenhumor und feiner Humor sind Dinge, die sich gegenseitig ausschließen, denn die Masse lacht über Sex und Gewalt, haha, das kennt nämlich jeder. Oder über Hitler. Oder über Situationen, die man halt so kennt. Benny Hill-Humor, irgendwie. Nur eben nicht lustig.
Besonders unangenehm an Fremdhumoristen ist die Angewohnheit, unpopulären Humor vollständig zu ignorieren. So werden durchaus amüsante Inhalte aus allen Medien vom Fremdhumoristen so lange ignoriert und für “blöd” befunden, bis diese sich als Mainstream durchsetzen. Andererseits besitzt der Fremdhumorist die einzigartige Fähigkeit, noch so beschissene Fremdwitze zu adaptieren, wenn sie nur populär genug sind. Und ahmt dann in nicht imitierbarer Peinlichkeit “Künstler” wie Atze Schröder nach. Der humorlose Kreis schließt sich hier, denn die Humorkopie wirkt meist wie gewollt, aber nicht gekonnt und so kann der Fremdhumorist durch seine gnadenlose Dämlichkeit auch Menschen mit echtem Humor zum Lachen bringen. Allerdings nicht ob seiner Imitation, sondern ob der Tatsache, dass er diese Imitation nötig hat.
Damit haben auch die Fremdhumoristen irgendwie auch Humor, zumindest auf dem niedrigsten Level: Humor ist, wenn man Menschen zum Lachen bringt, allerdings über und nicht, wie eigentlich gewünscht, mit ihm.
Trotzdem lachen kann er dann aber nicht, wenn man ihn darauf anspricht und schon ist er entlarvt, der dreckige Fremdhumorist.
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Geschrieben in Allgemein | 0 Kommentare | Tags: Dieb, Diebstahl, Fremdhumor, Fremdscham, Humor
