Goodbye and thanks for all the crap (September 2007)
14. Dezember 2008 von CRen
[Aktueller Song: "What Difference Does It Make?" von The Smiths]
… und plötzlich war sie tot, die Sau. Einfach so. Zwei Chemo-Zyklen und latente gute Miene zum bösen Spiel haben dem Dreckskrebs den Garaus gemacht. Es ist interessant, wie ein kurzer Satz wie “Sie können sich als geheilt betrachten” die Laune heben kann. Genau diesen Satz sprach mein Urologe heute und entließ mich mit einem Kontrolltermin im Dezember. Nicht, dass ich ihn, den Krebs, vermissen würde, aber ein seltsames Gefühl ist das schon, dem Sensenmann so innerhalb von nur 9 Wochen seit Diagnose von der Klinge zu springen.
Es ist faszinierend, wie schnell man sich an Tatsachen gewöhnt. Die Krebsdiagnose Mitte Juli war ein Schock, aber kein Killer. Ich stellte mich drauf ein, noch sehr, sehr lange Spaß mit der Wucherei in meinem Unterleib zu haben und möglicherweise daran einzugehen. Schon bald trug “mein Krebs” liebenswerte Kosenamen wie “das Arschloch in meinem Sack” oder “die dumme Sau”. Schlimm war das nur peripher, denn ohne es zu wissen, scheine ich genau auf so etwas zugelebt zu haben. Ohne hier esoterischen Unsinn zu verbreiten, hat mich der Gedanke an den möglichen Tod kaum geschockt, mehr die Aussicht auf endlose Chemotherapie-Sessions mit den hier mehrfach eingehend beschriebenen unappetittlichen Nebenwirkungen. Stattdessen konnte ich, leider muss man erst in eine solche Situation kommen, um das zu erkennen, mich damit Abfinden, gegebenfalls den Löffel abzugeben. So albern das klingt und ohne das Gefühl zu haben, mit 28 die Welt gesehen zu haben: Ich denke, ich habe die Zeit genutzt, die ich hatte! Auch, wenn man mit 28 sicherlich nicht mit einem Lächeln abtreten kann, kann ich doch von mir behaupten, dass die letzten Jahre sehr intensiv waren und ich sie ausgiebig genutzt habe. Dieses Wissen hilft und gibt Kraft. Der Rest ist hinduistische Schicksalsergebenheit. Und wenn es das Schicksal wiedermal böse meint, kann man sowieso nur zwei Dinge tun: Grinsen und weitermachen oder die Flinte ins Korn werfen. Was letzteres bei einer Krebserkrankung jeder Art bedeutet, muss ich hier wohl nicht weiter erwähnen, aber ich habe gegrinst und ich habe gesiegt.
Klar, die optischen Nachwirkungen meiner Operation werden mich wohl ein Leben lang begleiten und die Angst vor einem Rückfall wird sich wohl auch erst auflösen, wenn die Wartungsintervalle in zwei Jahren länger und das Rückfallrisiko geringer wird. Wobei es aktuell auch nicht wirklich hoch ist, sagt mein Urologe. Wichtig ist: Die Blutwerte sind auf einem normalen Level, körperlich geht es steil bergauf und die Haare sollten in vier bis sechs Wochen auch wieder fröhlich sprießen. Dieser Glatzen-Look kommt einfach nicht gut bei grauäugigen 1,90-Männern mit Hang zu paramilitärischer Bekleidung. Im Moment trage ich stolz den Taxidriver-Look und ehrlich gesagt hätte ich es mir schlimmer vorgestellt, auch wenn die Glatzerei dann doch ein wenig aufs Ego schlägt.
Vor einigen Tagen habe ich an einem Text – Achtung, Wortwitz – herumgekrebst, den ich hier aber nicht veröffentlicht habe. Dort habe ich nach der “Lehre” der ganzen Geschichte gesucht. Und sie nicht gefunden. Was bedeutet das für mich, für mein Leben, so einen Kram gehabt zu haben? Außer, dass ich jetzt besondere Pflege für den verbliebenen Babyspender walten lassen sollte? Gut, ich erinnere mich an Steffi in der 9. Klasse, die mir damals aus einem hahnebüchenen, pubertären Grund die Eier ins Gehirn getreten hat. Sowas sollte nicht mehr passieren. Ansonsten bleibt wohl vor allem die Erkenntnis, dass alles eine Frage der Einstellung ist. Und wenn man Dinge positiv sieht und sich mit ihnen, egal, wie unangenehm sie sind, mit einem Lächeln begegnen kann, nimmt ihnen das den Schrecken. Und das ist sicherlich eine positive Lehre für das Restleben, denn das mit dem gesunden Lebensstil habe ich bereits wieder an den Nagel gehängt.
Ganz los wird man so eine Krankheit natürlich nie wieder. Sie bleibt im Kopf und wird bei jeder Inspektion für Angstschweiß sorgen. Aber auch das dürfte mit jedem weiteren Tag abnehmen.
An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Bedanken, die mir in der harten Zeit die Daumen gedrückt haben. Die mich begleitet und mir geholfen haben, wenn es mir schlecht ging.
Ab sofort gibt es an dieser Stelle also wieder die gewohnte zynisch-exhibitionistische Qualität. Viel Spaß dabei!
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Geschrieben in Allgemein | 0 Kommentare | Tags: Chemo, Chemotherapie, Hodenkrebs, Hodentumor, Verlauf
