Papa Wango
6. Dezember 2008 von CRen
[Aktueller Song: "Since I Don't Have You" von Guns N' Roses]
Der Neger ist ausgestorben. Er heißt jetzt Farbiger. Oder Afro-Amerikaner. Afro-Europäer. Oder Afro-Afrikaner. Er ist das Sorgenkind aller Gutmenschen und der Traum jeder dicklichen deutschen Mittvierzigerin auf Karibik-Urlaub. Vor allen Dingen war, ist, bleibt - und das wird sich niemals ändern - der Neger der schwarze Mann. Und der schwarze Mann ist dem Deutschen an sich unheimlich.
Deshalb darf der Mensch dunkler Hautfarbe im Fernsehen auch nur wenige Rollen annehmen: In “kritischen” Filmen aus Deutschland wird er von den immer gleichen Glatzen-Statisten vermöbelt, in Dokus über Afrika darf er nackt und barbusig als Statist für irgendwelche antiimperialistischen Propaganda auftreten (aber bloß nichts sagen!) oder sich als verhungerndes Kind eine Fliege aus dem Auge wischen. In den Drehpausen macht der Neger Voodoo oder singt Gospel, denn der Neger ist ein heiterer und launiger Zeitgenosse, der nur dann nicht lacht, wenn der weiße, deutsche Fernseh-Regisseur “Fliege aus dem Auge wischen!” ruft und danach ein paar Dollar oder eine Banane springen lässt. Man ist ja großzügig und meint es gut mit dem armen, vom Kolonialismus nachhaltig gebeutelten Neger.
Irgendein findiger Medienmensch hat wohl einen der launigen Zeitgenossen beim Voodoo-machen beobachtet und direkt mal für einen der nächtlichen Esoteriksender eingespannt. Dort darf er nun als “Papa Wango” zusammen mit seinem Neffen Djialy in Tigerfell-Tüchern herumsitzen und Muscheln in einer Schilfschale verrühren, um daraus gelangweilt die ewig gleiche Zukunft zu lesen.
Für 1,99 Euro pro Minute erzählt Papa Wango, dass man auf seine Gesundheit achten und sich mit seinem Partner versöhnen sollte. Die immer weiblichen Anrufer sagen dann betroffen “Ja” oder “stimmt, so habe ich das noch gar nicht gesehen”, ganz so, als hätte Papa Wango ihnen tatsächlich eine Neuigkeit über die Zukunft berichtet. Was er sagt, sagt er mit einem starken afrikanischen Akzent, um dem Spiel einen authentischen Nachdruck zu verleihen. Was Papa Wango abzieht, ist die Negerklischee-Version von dicken Tarot-Frauen, die ebenfalls dort laufen.
Eigentlich, so glaubt man, ist Papa Wango genau das, was grün wählende Esoterik-Tanten mit bunten Batik-Tüchern hassen: Ein Klischee, eine Karikatur dessen, was Afrikaner sind. Ähnlich wie Neger-Trickfilmfiguren mit dicken Lippen, die sonst von genau diesen Menschen so gerne verboten werden. Doch Papa Wango-Anruferinnen geben im Schutz der Nacht offensichtlich ihre gutmenschlichen Ideale zugunsten der Esoterik auf und stürmen Papa Wangos Hotline, um sich Rat zur Schwangerschaft, zum Wohnungskauf oder über den kranken Ehemann zu holen.
Denn Papa Wango ist wesentlich glaubwürdiger als all die rumänischen Tarot-Pommeranzen. An die Macht der Karten glaubt doch niemand mehr, aber die Macht der Muscheln ist was anderes. Die werden ja auch von den Händen eines echten Eingeborenen gerührt, der ganz bestimmt noch nicht seinen Draht zur Sprache der Natur verloren hat. Daran leiden wir Wohlstandsbürger ja schon seit Jahren. Dadurch ist Papa Wango viel authentischer und deshalb glaubwürdiger. Und sorgt ganz nebenbei dafür, dass wir weißen Wohlstandsbürger Schwarzafrikaner weiterhin als naturverbundene Wilde betrachten, die unserer sühnigen Hilfe und Aufklärungskampagnen gegen Rassismus bedürfen.
Dass Papa Wango den Rassismus selbst repräsentiert, ist wahrscheinlich noch niemandem aufgefallen. Es fehlt eigentlich nur noch der Knochen im Haar oder, besser, in der Nase! Und wo wir gerade dabei sind, sollte jemand dem Mann eine Kette um den Hals legen. Nicht, dass er zu später Stunde von all der Muschel-Rührerei Appetit auf den Kameramann bekommt…
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