Stufenschlampe
21. Dezember 2007 von CRen
[Aktueller Song: "(Antichrist Television Blues)" von The Arcade Fire]
Das größte Problem beim Älterwerden ist das Älterwerden. Früher, als man so 17 oder 18 Jahre alt war, die Welt neu schmeckte und alles machbar schien, hatte man das Aussehen, aber nicht das Selbstbewusstsein. Heute ist es umgekehrt. Und während man so zurückdenkt an all die Jahre voller Minderwertigkeitskomplexen wird einem schlagartig klar, dass man es damals wirklich besser hätte machen können. Der dürre, lange und schlacksige Knabe auf den Fotos, das bin ja wirklich ich oder, wie meine Eltern schon früh zu sagen pflegten: “Damals war ich jung und knackig, heute bin ich nur noch “und”.” Das alles hinderte mich jedoch nicht daran, was mit der Stufenschlampe zu haben.
Ich werde nie den Tag vergessen, an dem Steffi in unsere Klasse kam. Es war kurz vor der Skifreizeit 1994. Ein blondes, Kette rauchendes Mädchen mit langen Haar, großen Brüsten und LA-Raiders-Jacke saß plötzlich in der Klasse. Sie war tough und wirklich hübsch, wenn auch überaus verprollt. Wenn man sie nach ihrer Lieblingsmusik fragte, wusste sie ein smartes “TEKKNO” zu antworten. Alle Jungs liebten sie, nur ich nicht, ich war anderweitig und wenig erfolgreich verknallt in eine junge Dame. Stattdessen ärgerte ich Steffi und sie trat mir dafür in die Eier. Mehrfach. Meine Liebste allerdings fing später an, sich massiv für die Kelly Family und insbesondere Paddy Kelly zu interessieren, sodass sie zwischen all den Besuchen beim damals in Köln-Deutz stationierten Kelly-Hausboot niemals Zeit für mich aufbringen konnte. So blieb die Liebe hoffnungslos, ich wurde klüger und sie fett und als wir uns irgendwann in der 12. Klasse bei einer Party volltrunken und knutschend wiederfanden war klar: Das war es definitiv nicht und ich war auch froh, dass dem so war. Die Jahre allerdings blieben verschwendet. Die junge Dame war danach eine Freundin, mehr nicht.
Ganz anders Steffi: Wir saßen zusammen im Kunstunterricht und malten abstrakte Bilder jenseits jeden Kunstlehrer-Verständnisses, während sie Coolio-Songs auf meinem Panasonic-Walkman schnorrte und den ewig gleichen tuningcorsafahrenden Vollidioten zum Freund hatte. Ich trug Basecap, sie bauchfrei, wegen der Spicegirls und des Nabel-Piercings, und so verbrachten wir Jahre in der letzten Reihe, ohne jemals auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, jemals untereinander irgendwelche Zärtlichkeiten auszutauschen. Auch deshalb, weil sie drei Monate älter war. Und während ich so dasaß, regelmäßig nach der Schule ihren Computer flickte und mir nichts weiter dabei dachte, gewann ich neue alte Freunde und viele Freistunden, die Steffi und ich zusammen vor der Tür der Mathematikstunde verbrachten, weil wir uns mal wieder lieber miteinander unterhalten als mit dem Lehrstoff befasst hatten. Und weil sie außer mit Ingo auch nie mit einem Typ aus der Klasse etwas hatte, war auch ihr Schlampenstatus höchst fragwürdig.
Eines schönen Abends fand einer dieser 18. Geburtstage statt. Aufgrund schulischer Unzulänglichkeiten war ich bereits in der 8. Klasse zu einem der Stufenältesten aufgestiegen und schon längst in Besitz von Führerschein und der entsprechenden Souveränität. Wie sooft saßen Steffi und ich beieinander und redeten Unsinn und neben ihr saß ihre beste Freundin, Nicole, die ebenfalls einen echten Stufenschlampen-Bonus besaß, aber allgemein als so unintelligent anerkannt war, dass niemand jemals mit ihr etwas angefangen hätte. Das hätte sich aber auch keiner der Spätentwickler jemals getraut, denn Nicole war schon seit Ewigkeiten mit einem der Chefschläger von Bonn liiert und nochmal eine ganze Spur älter als Steffi.
Als Steffi aufs Klo verschwand, nahm Nicole mich an die Brust, nicht im sexuellen Sinne. Sie fragte mich, ganz Nicole, ob ich “es eigentlich nicht raffe”. Und ich, hager, mager, schlacksig und bemützt, wie ich als 18-jähriges Hip-Hop-Kid halt war, raffte natürlich gar nichts. Nicole klärte mich auf, eins kam zum anderen und wenige Minuten später wurden Steffi und ich wegen heftigen Geknutsches der Party verwiesen. Der Gastgeber war auch in Steffi verliebt. Mein Herz flatterte ganz gewaltig, als Steffi unterwegs kaum von mir lassen konnte und weil ich als die 18-jährige bipolare Jungfrau, die ich war, auch nicht so recht wusste, brachte ich sie nur nach Hause, ohne den Wunsch, mit hoch zu kommen.
Am nächsten Tag trafen wir uns. Und am Tag danach auch. Dann war das Wochenende vorbei und wir schrieben uns Liebesbriefe. Nachmittags trafen wir uns wieder. Irgendwann lagen wir gerade ziemlich unangezogen auf meinem Bett, als eine ganz Schar von Jungs aus meiner Klasse anrückte. “Hi, wir wollten Dich mal besuchen.” Es war die Fraktion der Steffi-Verliebten und ich war ein bisschen stolz auf mich, irgendwie. Ich hatte schließlich ihre Brüste gesehen, das hatten die anderen nicht, jedenfalls nicht in der offiziellen Version. Und während ich die Jungs vom elterlichen Grundstück manövrierte, hatte ich nur diese Brüste im Kopf, große Brüste.
Wenige Tage später machte sie Schluss. Sie wollte wieder zum Tuningcorsavolltrottel, den sie inzwischen geheiratet hat. Ich habe es erst nicht, dann wirklich verstanden. Es war eine fiese Pubertätsmädchen-Aktion und die war nur dazu gedacht, dem Tuningcorsavolltrottel zu zeigen, dass sie auch anders konnte. Die Freundschaft war danach freilich dahin, zum Glück waren es nur noch wenige Monate bis zum Abitur. Bis heute weiß ich nicht, warum sie für die Nummer ausgerechnet auf mich zurückgegriffen hatte. Vielleicht war es meine ganz speziell rebellisch-souveräne Art, möglicherweise dachte sie, ich würde es von all den in sie verknallten Dödeln in unserer Klasse am besten wegstecken. Vielleicht mochte sie mich auch wirklich. Was immer es war, ich werde es wohl nie herausfinden.
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