Wie ich sechs Stunden meines Lebens im Krankenhaus verschwendete (August 2007)
7. Dezember 2008 von CRen
[Aktueller Song: "Wild Thing" von The Troggs]
Heute war ein großer Tag, denn heute habe ich die letzte Spritze vom ersten Chemo-Zyklus bekommen. Jetzt hab’ ich erstmal, also mindestens, wenn nicht sogar bestimmt und ich freue mich da wirklich drüber, das Wochenende frei. Irgendwann im Lauf der kommenden Woche geht’s weiter. Und das nicht zu knapp, nämlich von vorne, mit Venenkatheter, wochenlangem an-die-Wand-starren und literweise Platin und anderer flüssiger Schwermetalle, die mir in meine erlauchten Adern gepumpt werden. Wenn alles gut läuft, ist Freund Krebs danach mausetot. Als kleinen Vorgeschmack und zur Förderung des allgemeinen Krebszellen-Mitgefühls durfte ich heute dann auch erstmal erfahren, was es eigentlich heißt, tot zu sein.
“Ich sehe tote Menschen” sagt Haley Joel Osmond in “The sixth sense” und meint damit, dass er tatsächlich tote Menschen sieht. Also Menschen, die er eigentlich gar nicht sehen dürfte. Damit unterscheidet er sich massiv und ganz gewaltig von Krankenschwestern und Ärzten, die nicht einmal Menschen sehen, die sie vielleicht sehen sollten. Menschen, die noch leben und deren Leben aufgrund einer unbehandelt eventuell doch sehr tödlichen Krankheit wie Hodenkrebs massiv verkürzt werden könnte. Die fehlende Patientensichtbarkeit schien direkt mit einer akuten Unterbesetzung des medizinischen Personals zusammenzuhängen, die ihrerseits eine direkte Folge gewisser Gesundheitsreformen einer gewissen Bundesregierungsmitarbeiterin namens Ulla Schmidt sein dürften. Hiermit also einen Dank an unsere Frau Gesundheitsministerin für gnadenlose Unterbesetzung an ohnehin schon überarbeiteten Assistenzärzten und Krankenschwestern. Aber warum fange ich nicht einfach vorne an?
Es ist ja so, dass Schlafen nicht so mein Ding ist. Auch vergangene Nacht quälten mich, wohl chemotherapiebedingt und wie schon seit Wochen, die wildesten Albträume von Mondflügen, Außerirdischen und sprechenden Schreibtischen, die mir ans Leder wollten. Eine seltsame Mischung aus vertrauten Gesichtern und neuartigen Wahnvorstellungen machten mir die Nacht zum Tag und entsprechend frisch wachte ich heute morgen auf Anhieb mit dem ersten viel zu frühen Klingeln des Weckers auf.
Der in der albtraumbehafteten Nacht wundgewälzte Leib weigerte sich, die Schwelle zur Dusche zu überschreiten, weshalb ich mich direkt, ungewaschen, aber mit minzfrischem Beißwerk und vier Zigaretten im Blut, ins Auto setzte und zum Krankenhaus fuhr. Dort traf ich erst einmal auf die Bonner Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann (SPD), die ich ob des nagelneuen, völlig sinnlosen und sicher sauteuren Fahrradweges auf der Trierer Straße sofort mit schwerem Blutabnahmekanülengeschütz angefallen und langsam und genussvoll auf multikulitart geschächtet habe.
Leider war ich viel zu müde, weshalb das entspannende 9-Uhr-Blutbad leider flachfallen musste und bestenfalls in meinem Kopf stattfand.
Resigniert über meine eigene Energielosigkeit (früher hättest Du das gemacht – ganz sicher!) starrte ich lieber bis halb 11 auf das einzige nichtssagende Bild in dem ach-so-öden Flur vor dem Anmeldezimmer. Natürlich habe ich mir trotzdem nicht gemerkt, was für ein Motiv es zeigte, aber das ist ja auch egal. Unterbrochen wurde ich nur in regelmässigen Abständen von einer sehr kleinen Schwester, die mäuseartig an mir vorbeihuschte um mir ein zu dieser Stunde leider viel zu gut gelauntes “der Arzt kommt sicher gleich” entgegenzupiepsen.
Punk 10.30 Uhr tritt er auf, der Arzt mit dem osteuropäischem Namen, dem irren Grinsen und dem wilden Haarschopf, der zu besseren Zeiten wohl nicht von einem handbreiten Scheitel durchzogen war. Er sieht ein wenig aus wie ein böser Clown ohne Schminke und das sind ja bekanntlich die schrecklichsten. Er rammte mir wortlos die Kanüle in den Arm, molk mir mit Saugröhrchen die letzte Energie aus dem Leib und sagt die schwerwiegenden Worte: “Blotprobäegäpnis iss fertick inzwei Stundän.” Jetzt fehlte eigentlich nur noch die Spritzblume.
Oh, süßer Müßiggang! Ich entschließe mich, meine Blutvorräte mittels Frühstück aufzustocken. Dieser Plan wurde allerdings so effizient von unsinnig platzierten Radwegen (Dieckmann!!!) und sich querstellenden LKW verhindert, dass ich, um pünktlich zurück zur Chemospritze zu sein, eine gewisse Eile an den Tag legen musste. Die stuntartige Fahrweise, die ich dafür an den Tag legen musste, wurde von den zwei Polizisten im Streifenwagen hinter mir zwar kritisch verfolgt, jedoch nicht gewaltsam abgebrochen. Zwei Mettbrötchen und eine Cherry-Coke später fühlte ich mich gewappnet für die Chemotherapie. Und als Überraschung für nachher hatte ich auch einen Nougatriegel gekauft – wenn ich den Essen konnte, hätte ich es gut verträgen.
Vorbei an Radwegen und querstehenden LKW brachte ich meinen Wagen im besten Bluesbrothers-Stil auf dem Krankenhaus-Parkplatz zum Stehen. Der Stress der vergangenen Stunden ließ mich spontan einnicken. Halb gebacken wachte ich pünktlich zum Ablauf der zwei-Stunden-Frist wieder auf und stürmte auf die urologische Station. “Das Blutbild”, schrie ich, “ist das Blutbild schon da?” Vergebliche Liebesmüh, das Blutbild kam um 14.30 Uhr. Inzwischen hatte ich aus Langeweile sämtliche Blätter des gegenüberliegenden Waldes gezählt, mich mit einem Prostata-Patienten über sein griechisches Restaurant und Hackfleischgerichte (”Lecker Souvlaki, musst Du probieren!”) unterhalten und war auch sehr froh, eben selbst und passend zum Aufenthalt auf der Station der “sie-haben-mir-die-Prostata-ausgeschabt”-Blasenkatheterfraktion eine schöne Portion Mett in mich hereingeschaufelt zu haben. Die blieb nur dank mehrerer Liter Stationswasser (”anerkannte Heilmittelquelle”, 2500 mg Kohlendioxid pro 100 ml – wie misst man sowas eigentlich?) unten. Dann gingen die Prostata-Beschabten ihres Weges und ich war wieder allein mit meiner lebenszeitverkürzenden Langeweile.
Gängige Popkulturelle Unsichtbarkeitstheoreme gehen davon aus, dass man zum Unsichtbarsein irgendwelche Hilfmittel benötigt: Capes, Ringe, Zaubersprüche, Tarnanzüge. Das stimmt nicht! Wer einmal das Gefühl des Unsichtbarseins genießen möchte, sollte nur eine unterbesetzte Schwesternstation belagern, um endlich mal behandelt zu werden. Da kann man stundenlang im Weg stehen, das fällt nicht auf. Genausowenig hilft es, die Schwestern anzusprechen, die sagen, wenn sie überhaupt reagieren, bestenfalls “später” und verschwinden wieder irgendwo in den Tiefen der Krankenhaus-GmbH. Ein körperloses Gespenst hätte bessere Chancen, beachtet zu werden und ich wollte gerade resignieren, als plötzlich alles ganz schnell ging:
Eine junge Ärztin führte mich ins Behandlungszimmer, band mir den Arm ab, machte eine blutige Riesensauerei, als sie mir den fingerlangen Katheter in die Vene schob und verschwand dann kommentarlos. Wie schon letzte Woche war ich allein mit dieser riesigen Schautafel von einer völlig verkrebsten Prostata, in deren angeschlossener Blase sehr dunkle, irgendwie krank aussehende Pipi steht. Daneben die Zeichnung einer Prostata, wie sie aussehen sollte, sehr anschaulich mit einem Rest wesentlich weniger krankhafter Urins – nein, alt möchte man da nicht werden. Die sechste Stunde schlug, als der verrückte Osteuropäer-Clown reinschneite. Mit den Worten “kriegän gleinnes Gölsch jetzt” schloss er mich an den Tropf an. In Windeseile saugte mein Gespensterleib 150 Mililiter Flüssigkeit auf. Ich machte mich bemerkbar. Mehrmals. Dann bekam ich die Spritze und den Resteinlauf, weitere 100 Mililiter gesalzenen Wassers. “Isst nur för spülän”, sagte der Arzt.
Auf dem Nachhauseweg war mein Nougat geschmolzen. Dafür habe ich im Haribo-Shop zwei Kilo klebrige Bruchware eingekauft und mich zwecks Auswahl der gezuckterten und süßlich stinkenden Schweinereien auch lange dort aufgehalten.
Trotz des latenten Haribo-Geruchs und der mit ihren deutschen Tauschpartnern in denglisch radebrechenden englischen und damit außerordentlich schief bezahnten Austauschschülerinnen hinter mir an der Kasse konnte ich mein Mett weiterhin bei mir behalten, womit klar sein dürfte, dass ich die Chemo tatsächlich gut wegstecke.
Das macht irgendwie zuversichtlich für die nächste Runde – Ich freu’ mich drauf.
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Geschrieben in Allgemein | 0 Kommentare | Tags: Chemotherapie, Hodenkrebs, Hodentumor, Krankenhaus, Mett, Nahrung, Nugat
