Das große Finale (September 2007)
14. Dezember 2008 von CRen
[Aktueller Song: "Knockin' On Heaven's Door" von Guns N' Roses]
Die Chemotherapie neigt sich dem Ende und fast bin ich ein wenig traurig darüber. Wochen der Zwangsdiät und Zwangsenthaltung, sowie voller ekliger Injektionen gehen vorüber. Wochen, in denen man nichts war, außer “krank” und “bemitleidenswert”, aber vielleicht auch “echt stark”, wie man “das so durchhält”. Danach wird es weitergehen wie bisher, vielleicht innen ein wenig geläutert und außen ein wenig im Büßerlook, doch letztlich auf dem Weg dauerhafter Heilung. Die Angst vor krebsigem Restgemüse in meinen Innereien ist freilich latent, doch bleibt hoffentlich unerfüllt.
Morgen gibt es also die letzte Spritze und das ist eigentlich genau der falsche Zeitpunkt, denn gerade habe ich festgestellt, dass wenigstens der Bartwuchs sich wieder bekrabbelt zu haben scheint, denn ich habe seit einer Woche das erste Mal wieder Stoppeln, zumindest da, wo sonst die Kottis hängen. Und diese Stoppeln werden sich, wenn es läuft wie beim letzten Durchgang, schon bald wieder aus meinem Gesicht ins Essen plumpsen.
Die Frage ist: Hat mir Gottes gelbe Karte etwas für mein Leben gebracht, außer der Tatsache, dass nicht nur mental gesunde Urologen mir davon abraten, vor meinem 31. Lebensjahr ein Kind zu zeugen (”das könnte übel enden…”) und das verbliebene Ei nun einer besonderen Pflege bedarf? Außer dem Haarverlust und dem Wissen, dass es auch schlimmer kommen könnte? Ich fürchte nicht. Die Raucherei hat wieder ihren Normalpegel erreicht, der Durst nach alkoholhaltigen Getränken und langen Nächsten ist gigantisch, der Plan, ein Buch zu schreiben, genauso unreif wie schon 2002 und auch sonst gibt es keine nennenswerten Änderungen. Seitdem ich wieder essen kann, ohne der Übelkeit anheim zu fallen, also etwa seit… gestern habe ich bereits ein vielfaches des empfohlenen täglichen Kalorienbedarfs zu mir genommen und das in Form stark zuckerhaltiger Nahrungsmittel wie Vla, Wackel-Goofy und Cola. Gut, ich bin wohl auch in Päppellaune.
Möglicherweise gibt es aber doch einen Faktor, der sich geändert hat, vielleicht auch zwei: Einerseits kann man die Welt nach einer überwundenen Krebserkrankung, wenn auch unter Vorbehalt, irgendwie positiver sehen und das hat leider damit zu tun, dass man weiß, dass es viel schlimmer geht. Das Leben geht weiter und es ist beachtlich, mit welcher Hartnäckigkeit sich das letzte Fünkchen Verstand ans Leben krallt, selbst wenn die Chemotherapie einem übelst mitspielt. Und der zweite Punkt ist das Wissen, dass es einem eigentlich gut geht und man sich nicht beklagen sollte. Dass man wieder einmal knapp am Sensenmann vorbeigescheuert ist. Welches pervers-verzickte kleine Mädchen auch immer dieses gigantische Sims-Spiel hier steuert, es scheint seine Freude daran zu haben, sich mit mir kritisch auseinander zu setzen.
Nein, ich werde Konsequenzen ziehen. Ruhiger werden, leben und leben lassen, das Leben genießen, wie es ist, gesünder… ach, verdammich, das schaffe ich sowieso nicht!
Was bleibt, ist nur eine Gewissheit: Wenn es dann eines Tages vorbeigeht, soll es bitte schnell gehen und jetzt kauft Ihr Euch bitte alle das Gute-Laune-Buch von Lance Armstrong, das ich auch noch nicht gelesen habe und dann lernt Ihr mal von mir und rennt immer brav zur Vorsorge.
Denn SCHÖN ist wie immer anders und insbesondere ganz anders als Hodenkrebs!
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Geschrieben in Allgemein | 0 Kommentare | Tags: Chemo, Chemotherapie, Hodenkrebs, Hodentumor, Lance Armstrong
