Der Hodentumor oder: Wie ich ein Ei auf Manowar verlor (Juli 2007)
7. Dezember 2008 von CRen
[Aktueller Song: "Affirmative Action (Saint Denis Style Remix)" von Suprême NTM & Nas]
Arztbesuch, weil ich seit einer Woche mit dicken Eiern herumrannte. SEHR dicken, schmerzenden Eiern. Das gibt es ja schonmal, deshalb macht es einen ja auch erst dann nervös, wenn der Hodensack die kritische Masse einer Apfelsine erreicht und dabei rot leuchtet. Man ist ja Mann und “sowas geht ja wech, ne?”
Der Urologe war jung, freundlich und als er den Ultraschall am schmerzenden Gemächt ansetzte, sprach er noch routiniert von einer Nebenhodenentzündung. Die bekommt man einfach so, sagte er.
Dann entgleisten ihm die Gesichtszüge und ein Fluch entsprang seinem Mund.
Wenn ein Arzt laut “Scheiße!” sagt, ist das nicht schön. Wenn er dann eilends seinen Kollegen herbeiruft, der das Ultraschallbild mit einem “Auweia” kommentiert, weiß man, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung sein muss. Nach einem flinken Wortwechsel über “Freilegung”, “Wenn wir das jetzt machen, ist der weg” und “TU rechts” entschloss sich Herr Doktor zu einer Übersetzung. “Ja, das sieht verdammt nach einem Tumor aus. Könnte aber auch nur eine Entzündung sein. Blutabnahme, Antibiotika, Krankschreibung, “schön kühlen und kommen Sie Montag wieder.”
Das Wochenende war verschwitzt, trotz verordnetem Klöten-Kühlbeutel und das hatte nur halb mit den afrikanischen Temperaturen draußen zu tun. Doch ich blieb zuversichtlich, die Antibiotika schlugen an, Schwellung nahm ab und mit ihr auch die Angst, möglicherweise dann doch ein Ei einbüßen zu müssen. Doch wie es so ist im Leben, kommt alles genau so, wie man es sich nicht wünscht.
Montag, der Tag der Wahrheit. Der Weg zum Urologen fiel schwer und als ich, obwohl Kassenpatient, sofort drankam, war klar, dass etwas absolut nicht in Ordnung sein musste. Der Arzt vermittelte mir mit sanften Worten die fröhliche Diagnose Hodentumor, der Bluttest sei eindeutig. Die genaue Vorgehensweise: Schneiden auf, holen raus, schneiden ab, danach eventuell Chemo, vielleicht auch noch ein wenig Filettierung im Unterleib, denn dort seien Lymphknoten, die möglicherweise auch etwas abbekommen hätten. Irgendwo mittendrin klappte ich dann kurz zusammen, das war dann doch zuviel des guten. “Begeben Sie sich sofort ins Krankenhaus, gehen Sie nicht über ‘LOS’, ziehen Sie keine 4.000 Euro ein. Und machen Sie das morgen in Ruhe, trinken Sie ein Bier nachher, heute bringt das sowieso nichts mehr.” Ich packte meine Sachen und fuhr nach Bonn.
Die folgende Nacht war von Selbstekel geprägt. Ein Ei entfernen, gegebenenfalls beide, was dann jeden Kinderwunsch zunichte gemacht hätte. “Aber die Heilungschancen liegen bei fast 100 Prozent”, versuchte mich der Arzt am nächsten Morgen zu beruhigen. Ruhig war ich allerdings schon, erstaunlich ruhig, denn was kann man schon machen, wenn einem das Gemächt verfault? “Nichts wie raus mit dem Mist”, dachte ich. Glücklicherweise war der linke Hoden dann noch in Ordnung. “Das ist gerade das Alter, in dem junge Männer das bekommen”, sagte Herr Doktor, der ebenfalls “in dem Alter” war. Wann wird man alt? Wenn Ärzte jünger sind als man selbst.
“Zur Sicherheit schicke ich Sie noch zur Uniklinik, da können Sie noch eine Samenspende abgeben, falls wir doch den linken auch rausnehmen müssen. Aber das ist unwahrscheinlich.” Zu deutsch: Ich sollte eine Sicherheitskopie erstellen, für alle Fälle.
Auf zur Uniklinik, zur Gynälologie, die Laune trotz der Arschlochdiagnose ungewöhnlich gut. Knoxville und Armstrong leben ja auch noch. Den Pförtner ansprechen und fragen: “Wo geht’s denn hier zur Samenspende?” Entsetzte Gesichter bei den Mutter-Anwärterinnen im Warteraum, die hatten das mitbekommen hatten, mitfühlende Gesichter bei der Ärztin, die mir den Wixpott brachte. 100 Mililiter. “Den mach’ ich Ihnen aber nicht voll”, sagte ich und entschwand in die Wixkabine. Dort war es lauschig, es gab viele Ekelmagazine und Unterwäsche-Kataloge, einen Seifen- und einen Handlotion-Spender und überhaupt war es wirklich angenehm auf der mit sterilem Tuch bespannten Couch. Einen Spiegel gab es auch, trotzdem ist es schwer, sich unter solchem Druck (”Morgen ist die Klöten ab, olé!”) entspannt einen zu schleudern. Die Ausbeute des Backups war auch entsprechend gering. “Nicht die Menge, die Qualität macht’s”, beruhigte mich die Ärztin. Wenigstens etwas.
Checkin in der Urologie im Krankenhaus. Röntgen der Lunge, weitere Blutproben. Ein Gespräch mit dem Anästhesisten. “Wie hätten Sie’s denn gern? Lokal oder voll?” Eine lokalbetäubte Hodenfreilegung mit folgender Entfernung? Das war dann doch nicht ganz meins. Vollnarkose, bitte. Die Angstattacken in der Nacht überwandt ich mit Beruhigungspillen und mit vielen Zigaretten. Der junge Arzt, den ich fragte, wer mich denn operiere, sagte mir, dass der Herr Doktor “so ganz komische Musik bei der OP” höre. “Operiert mich der Langhaarige?” “Ja, das ist der Oberarzt. Vollnarkose? Sein Sie froh!”
Offensichtlich war Herr Oberarzt ein Metal-Fan.
Ich stellte mir vor, wie Herr Oberarzt vielleicht vor 15 Jahren bei der Berufsberatung saß: “… und ich träume ständig davon, Menschen die Eier und die Innereien herauszureißen.” – “Werden Sie doch Urologe…” Keine schöne Vorstellung, aber der Start einer sicherlich grandiosen Karriere. Und so verlor ich am folgenden Tag mein Ei zu Manowar.
Aus einer Vollnarkose aufwachen ist nicht schön. Man fühlt sich wie ein Stück Vieh, wackelig auf den Beinen, ausgeweidet und gekeult. “Hehe, wir brauchten die doppelte Dosis für Sie!” Das war die Begrüßung des Anästhesisten, als ich die Augen aufschlug. Der Hodensack war rechts seltsam leer, aber besser als die obstartige Schwellung zuvor. An meiner Seite hing eine Drainage-Flasche, die ich bald liebevoll “meine Rührei-Pulle” nennen sollte. Der Rest des Tages verging wie im Fluge, vermutlich, weil ich schlief, bis ich gegen zwei Uhr in der Nacht kein Auge mehr zubekam und erstmals realisierte, dass die Drainage bis ganz unten im Sack steckte und sich dort bei jeder Bewegung pieksend bemerkbar machte. Zumindest war das linke Ei noch da, wenn auch angestochen, denn dort wurde, ganz nach dem Prinzip eines Apfelentkerners, eine Gewebeprobe entnommen. Da gibt es nur ein kleines Loch, das mit einem Stich genäht ist. Die Narbe in der Leistengegend ist hingegen enorm, dort wurde aufgeschnitten, rausgezogen, abgesäbelt, vermutlich, passend zum Auftreten des Herrn Oberarztes, mit einer Streitaxt oder einem Beidhänder.
Links und rechts von mir fand ich zwei schlafende Opis, die sich sehr bald als sehr unterhaltsame, sehr rheinische Version von Statler und Waldorf herausstellen sollten. Die Wortgefechte über meinen Kopf hinweg waren mehr als lustig, sonst floh ich schon am folgenden Tag zwecks Zigarettenaufnahme auf den Balkon.
Zwischendurch durfte ich noch den Computertomographen besuchen, was im Klartext heißt: 1,5 Liter irgendwie radioaktives Kontrastmittel saufen. Die Plörre schmeckte wie Blasentee, also alles andere als gut und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, durfte ich danach noch eine Kontrastmittel-Injektion über mich ergehen lassen. Ein wundervolles Gefühl, spürt man das Mittel doch durch den Körper fließen, weil es überall dort, wo es vorbeikommt, eine nicht unerhebliche Wärme produziert. Im Kopf angelangt produziert es zudem einen unangenehmen Geruch nach billigem Rosenparfüm, das gleiche im Mund und dann war es auch schon wieder weg und ich war wieder entlassen. Auf dem CT wurde dann zum Glück auch nichts mehr gefunden, genausowenig auf dem Röntgenbild der Lunge, was soviel hieß wie Entwarnung, hätte eine Metastasenbildung doch enorm Krankenhausaufenthalte bedeutet.
Die folgenden Tage verbrachte ich damit, mich darüber zu freuen, nicht zu den Prostata-Patienten zu gehören, die neben Blutflasche auch Katheterbeutel und zahlreiche andere Schläuche mit sich herumschleppten und aussahen, als wären sie Opfer der Borg geworden. Da möchte man nicht alt werden.
Freitags bat ich die nette, attraktive Ärztin, mir doch den Drainage zu ziehen. In der Flasche hatte sich nämlich inzwischen eine unangenehm milchige Gewebeschicht abgelagert, die wie halbrohes Rührei aussah, garniert mit dem blutrotflüssigen Ausfluß, den die Wunde ohnehin produzierte. Der Anblick weckte bei mir vor allen Dingen eines: Appetit auf Rührei, obwohl die Krankenhaus-Schonkost so schlecht gar nicht war.
Die nette, attraktive Ärztin ihrerseits beschloss, die Drainage nur halb zu ziehen “zur Sicherheit”, wie Sie sagte. Doch halbe Sachen sind nicht immer so gut, erst recht nicht mit schönen Frauen und die nächste 24 Stunden rührte das Schlauchende bei jeder Bewegung in meinen Innereien herum, was Schlafen unmöglich machte. Dann kam das Ding zum Glück komplett heraus, der Unterdruck produzierte ein schmatzendes, schlürfendes Geräusch und vernichtete jeden Neid (”hätt’ste mal besser Medizin studiert…”), den ich in den vergangenen Tagen auf die allgegenwärtigen Ärzte in meinem Alter geschoben hatte. Täglich solche Dinge zu machen, ist sicherlich alles andere als schön. Dann lieber Papier und Feder, die sind ja bekanntlich mächtiger als das Schwert.
Seit heute bin ich raus aus dem Bunker, kann wieder aufrecht laufen und der Verlust ist verkraftet. Jetzt warte ich auf die Ergebnisse der Histologie, also der Tumoruntersuchung, die darüber entscheidet, ob ich noch weitere Therapiemaßnahmen benötige.
Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen bedanken, die mich besucht und mir geschrieben haben.
Weitere Geschichten folgen, bestimmt.
Die Woche Krankenhaus erstaunlich entspannend und mit dem Verlust des Tumors ist auch schlagartig die seit einigen Wochen sehr nervige Akne verschwunden. Kein Wunder: Das Ding hat Plazenta-Hormone produziert, mit anderen Worten: Mein Körper hat sich benommen, als sei ich schwanger. So ganz falsch ist das ja nicht, aber ich denke, die Abtreibung war im Sinne aller Beteiligten. Leider mochte mir niemand den entnommenen Hoden als Präparat mit nach Hause geben, der hätte, hübsch in Kunstharz eingegossen, sicherlich eine gute Figur als Briefbeschwerer für den Arbeitsplatz abgegeben. Aber man kann ja nicht alles haben, das Ding wurde wohl filettiert und genau unter dem Mikroskop betrachtet. Und damit war die Veranstaltung auch beendet, vermutlich muss ich jetzt die nächsten Jahre alle paar Wochen zur Untersuchung rennen, aber:
“Many stand against us, but they will never win
We said we would return and here we are again
To bring them all destruction, suffering and pain
We are the hammer of the gods, we are thunder, wind and rain.”
(Manowar, Warriors of the World, 2002)
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